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2 - Veränderungen

Selbst bei unseren Klassenbrüdern im Osten zählte nur die D-Mark West. Mit dem Beitritt zur BRD kamen für die Landwirtschaft die Flächenstilllegung, die Milch- und Zuckerrübenquote.

Ab 1991 führte die Milchquotenregelung in Markersdorf zur Senkung des Kuhbestandes von 530 Stück auf 250 Stück und das Ende für alle Kühe in den Bauernställen.
Lediglich Klaus und Hildegard Horschig vom Betrieb Horschig übernahmen im Januar 1992 die in ihrem Betrieb stehenden 38 Kühe mit in die Selbstständigkeit.
Kälberaufzucht bei Horschig (1988). Foto: Hubert Kreisch
Kälberaufzucht bei Horschig (1988). Foto: Hubert Kreisch
Wegen zu geringer Erzeugerpreise, ausgelöst durch die Rinderkrankheit BSE, auch Rinderwahnsinn genannt, wurde in den Jahren 1996/97 die Rindermast eingestellt.

Die leeren Rindermastställe im Oberdorf wurden in den Jahren 1997/98 mit eigenen Arbeitskräften zu Kuhställen auf Güllebasis und mit Melkkarussell umgebaut. Diese Kuhställe erhielten im Dezember 1998 die Kühe von den Ställen Rubel, Kurt und Beutler.
Die zwei leeren Bullenställe im ehemaligen Stützpunkt bauten die Mitglieder in den Jahren 1996/97 zu Getreidelagerstätten um.

Mit dieser Rückwärtsentwicklung war es nicht verwunderlich, dass von den ehemaligen 100 LPG-Mitgliedern nur noch reichlich 20 Arbeit hatten. Die neue Landtechnik mit ihren großen Arbeitsbreiten von der Bestellung bis zur Ernte beansprucht nur noch wenige Traktoristen, Frauen werden nur noch in der Viehwirtschaft gebraucht.

Mit der verstärkten Gülletechnologie und der Senkung der Viehbestände ist der Strohbedarf rapide gesunken. Das nicht benötigte Stroh häckselt und verteilt der Mähdrescher sofort auf dem Acker.
Ebenfalls dort bleibt auch das Zuckerrübenblatt, weil es die neuen Erntemaschinen nicht mehr sammeln. Die alten Bauern hätten nur ein Kopfschütteln übrig, denn das Rübenblatt war immer eine beliebte Silage. Aufgrund der verhältnismäßig geringen Viehbestände ist der Futterbedarf gesichert und daher kann man sich diesen Luxus leisten. Mit dem Bau von Biogasanlagen zur Energie- und Wärmegewinnung können nicht benötigte Futtermittel wie Anwelk- und Maissilagen sinnvoll genutzt werden.

Viele Diskussionen gab es auch nach 1970 über die Gülletechnologie. Erfahrene Bauern schwörten auf den Stalldung zur Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit.
Heute spart die Landtechnik Arbeitskräfte ein, bis hin zur Strohernte, weil Arbeitskräfte Geld kosten. Es bleibt abzuwarten, ob sich eines Tages die Natur einmal rächt, denn auf unseren Feldern wachsen in der Neuzeit nur noch Raps, Mais, Getreide und in geringem Umfang Zuckerrüben und Kartoffeln. Weil der Rotklee als Viehfutter nicht mehr benötigt wird, erfolgt kein Anbau, obwohl er für die Bodenverbesserung sehr wichtig ist.

Mit der Öffnung der Grenzen zwischen DDR und BRD zog eine große Euphorie ins Land, obwohl nicht alle Probleme erkannt wurden, beide Teile Deutschlands hatten sich politisch und wirtschaftlich gegensätzlich entwickelt.

Nun konnten wir auch Westautos kaufen, Südfrüchte gab es überall und die strohreichen Apfelsinen aus Kuba müssen wir auch nicht mehr essen. Wer über viel Geld verfügt, verlebt seinen Urlaub im Ausland oder bei einer Weltreise.

Viele Geschäftsleute von drüben nutzten die Ehrlichkeit im Osten aus und machten ihre Geschäfte, wenn auch nicht immer ehrlich. Selbst mancher Scheck kam von der Bank zurück, weil er nicht gedeckt war.

Passend zu dieser Situation fällt mir ein Gedicht aus der Sächsischen Zeitung vom 26. März 1993 ein:

Ein Wessi kauft vom Ossi eine Kuh
und das noch ungeborene Kalb dazu.
Bezahlt mit Scheck und gibt wie das so Brauch,
sich einen sowie dem Ossi auch.
Dann singen sie beim Hessenwein zu zweit
ein Lied von Deutschlands trauter Einigkeit.
Denn keiner ahnt, was in dem Handel steckt,
Kuh wie auch Scheck sind beide ungedeckt.


Über zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung unseres Vaterlandes hinweg gab es in unseren Dörfern riesige Veränderungen von der Plan- zur Marktwirtschaft. Plötzlich haben Grund und Boden und auch Grundstücke wieder einen Wert.

Um ehrlich zu sein, nur die wenigsten von uns wollen das Rad der Geschichte zurückdrehen, aber vieles war in der DDR auch nicht schlecht. Auffallend in unseren Dörfern ist, dass nicht mehr viel junge Leute hier leben. Sie sind der Arbeit wegen weggezogen oder sind in ganz Deutschland zur Ausbildung oder zum Studium.

Leider wird es noch viele Jahre dauern, ehe unsere Region mehr Arbeitsplätze bietet. Die Bauerngeneration über 60 Jahre sind inzwischen alle Ruheständler, freuen sich aber, dass sie von ihrer alten Firma zweimal im Jahr zur Flurbegehung und zur Rentnerweihnachtsfeier eingeladen werden und dabei aktuelle und interessante Informationen erhalten.

Mir erscheint es aber als wichtig, über die Veränderungen in unseren Dörfern zu schreiben, wir haben hier gelebt und in unserer schnelllebigen Zeit wird die Vergangenheit sehr schnell vergessen.

- wird fortgesetzt -

Quelle: Schöpsbote, Ausgabe Februar 2013