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18. bis 20. Jhdt.

Erligheim im 18., 19. und 20. Jahrhundert

Der äußere Zustand des Dorfes war nach dem 30-jährigen Krieg desolat. Die große Armut verhinderte eine gezielte Erneuerung der Häuser und Scheunen.

Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts kam es unter dem Grafen von Stadion zu einem gewissen Aufschwung. Im Zentrum von Erligheim wurden die drei Dinge, die das Leben in einer Gemeinde bestimmten, errichtet: Rathaus, Kirche und Kelter (Obrigkeit - Gebet - Arbeit ).
Bürgerhaus Vorderer Kelter in Erligheim, erbaut 1772, Foto: Schmelze
Bürgerhaus Vorderer Kelter in Erligheim, erbaut 1772, Foto: Schmelze
Zur damaligen Zeit war Erligheim in der ganzen Gegend verschrien, weil Kesselflicker und anderes Gesindel dort Nachtlager fänden. Den Bürgern war es verboten, einen Ausgang über den umgebenden Dorfgraben zu machen, damit sich kein Unterschlupf ergebe.

Erschütternd war damals das Los armer Waisenkinder. Diese Kinder wurden jedes Jahr an den versteigert, der es für den billigsten Preis aufnahm. Wie muss es diesen Kindern ergangen sein, wenn man folgende Vorschriften benötigte: Das Kind ist in die Schule zu schicken, zu Hause zum Gebet anzuhalten, zum Besuch der Kirche, ordentliche Kost, Kleidung, Bett und Reinlichkeit bereitzustellen, nicht nach Brot im Dorf betteln zu lassen, keine über die Kräfte gehenden Arbeiten zu fordern und auf ordentliches Aussehen der Kinder zu achten.

Weltgeschichte in Erligheim

Die Auswirkungen der Französischen Revolution betrafen auch Erligheim. Im 2. Koalitionskrieg gegen Napoleon fand auch das einzige Ereignis statt, bei dem Erligheim in den Blick der "großen" Geschichte geriet: das Gefecht bei Erligheim zwischen deutschen und französischen Truppen am 3. November 1799.

Der französische Marschall Ney wurde von dem österreichischen General Prinz Hohenlohe über Erligheim zurückgedrängt. Die Franzosen verschanzten sich im Dorf und in der Umgebung. Die einheimischen "Jäger" kämpften Erligheim Straße für Straße wieder frei. Die Franzosen wurden von den Österreichern vertrieben und mussten einen Verlust von 1000 Mann verzeichnen.
Die Schwarzen Jägerm Foto: Rothe
Die Schwarzen Jägerm Foto: Rothe
Heute halten die "Schwarzen Jäger" dieses Ereignis im Bewusstsein wach. Letztlich schloss der württembergische Herrscher mit Napoleon einen Vertrag und die Erligheimer waren nun Verbündete Napoleons und Bürger im neuen Königreich.

Nach der Reichsgründung

Allgemein gelten die vier friedlichen Jahrzehnte zwischen 1871 und 1914 als "gute alte Zeit". Erligheim wird in dieser Zeit an das Stromnetz angeschlossen, verbunden mit der einschneidenden Mechanisierung der Landwirtschaft.

Dagegen herrschten im Weinbau katastrophale Zustände, bedingt durch Krankheiten und Schädlinge. Darlehenskassen wurden eine Notwendigkeit.

Der 1. Weltkrieg verzeichnete für Erligheim 31 Tote und sechs Vermisste. Die Nachkriegszeit und der nächste Krieg waren von ähnlichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ereignissen geprägt, so wie in ganz Deutschland. Am 8. April marschierten französische Truppen in Erligheim ein, die ihre Macht bald an die amerikanische Militärführung abgaben.

Ein Aktionsausschuss bildete den Gemeinderat, der die erste ordentliche Sitzung am 28. Juli 1945 abhielt. Die Einwohnerzahl erhöhte sich durch die Zuweisung von über 200 deutschen Heimatvertriebenen auf reichlich 800.
Lebensmittel, Textilien und Schuhe gab es bis 1949 nur auf Karten und Bezugsscheine.

Die Fünfzigerjahre waren gekennzeichnet durch den Kanalisations- und Straßenbau. Die Bebauung der Siedlungsgebiete stieß bei der einheimischen Bevölkerung auf Widerstand. Der Gemeinderat verhängte 1957 und 1960 ein Bauverbot, mit der Begründung: "Erligheim ist eine rein bäuerliche Siedlung und sollte für Auswärtige keinen Platz haben, die bei einer eventuellen Arbeitslosigkeit der Gemeinde zur Last fallen." Die Gemeindeverwaltung hat dann die geplanten Bauvorhaben doch noch durchführen können. Heute zählt Erligheim 2700 Einwohner und der dörfliche Charakter hat sich geändert.

Kommunale Selbständigkeit bewahrt

Eine besondere Bewährungsprobe hatte die Gemeinde im Jahr 1973 zu bestehen. Im Zuge der Gebietsreform sollte sie nach Bönnigheim eingemeindet werden. Alle Gemeinderatsmitglieder waren der Meinung, dass die Bürger in Erligheim schon jetzt die gleichen Dienstleistungen haben wie in größeren Verwaltungseinheiten. Selbst Lothar Späth als Ministerpräsident bemühte sich um Klärung und befürwortete die kommunale Selbstständigkeit.

Bleibt zu hoffen, dass Markersdorf auch einen Fürsprecher findet.

Quelle: Erligheim im Wandel

Hans-Jürgen Rothe

Nach einem Beitrag im Schöpsboten, Ausgabe April 2014.